Familientragödie

RS_Familientragoedie_w600_h567“Bist du es, mein Bruder Georg? Ja, wahrhaftig, du bist mein lieber
Bruder, welche Überraschung!”

“Deine Stimme klingt mir so vertraut. Jetzt erkenne ich in meinem
Besieger meinen großen Bruder Siegesmund. Es sind wohl zwanzig Jahre vergangen, seit du aus dem Hause fort bist.”

“Genau dreiundzwanzig, ich führe einen Kalender. Und wie geht es daheim?”

“Mutter hat sich sehr gegrämt, als du so plötzlich ohne Abschied gegangen warst – ist bald gestorben.”

“Ach! Und lebt Vater noch?”

“Ist ihr bald nachgefolgt. Danach lag die ganze Last – der Hof und so – auf meinen schwachen Schultern – allzu schwer. Nichts wollte mir gelingen. Du weißt ja, war immer schon ein Pechvogel. Aber erzähle doch mal von dir. Wo hast du dich die ganze Zeit herum getrieben?”

“Ja – da gibt es nicht viel zu sagen. Mein Leichtsinn – du weißt. Durfte mich nicht mehr blicken lassen. Die Sache mit Hildegunde. Ich sah keinen anderen Ausweg …. ”

“Ach Du warst der Verführer. Wir hatten so etwas geahnt.”

“Der Glanz am Hofe zog mich an. So bin ich dann ein streitbarer Gefolgsmann meines Herren geworden.”

“Du warst immer der Tüchtigere und Erfolgreichere von uns beiden gewesen. Immer stand ich in deinem Schatten. Vater hielt große Stücke auf dich. Und verachtete mich. Darüber wurde ich krank, innere Auszehrung. Das Leben stieß mich von sich. Ich sehnte mich nach dem Himmelreich. Aber nicht erst lange über den dienenden Weg in der Kirche. Nein, möglichst schnell wollte ich von dieser Erde, aus diesem Leben, das für mich nur Demütigung und Mühe bedeutete.”

Georg muss vor Erschöpfung die Augen schließen und eine kleine Pause machen. Dann fährt er mit freudig erhelltem Angesicht fort: “Nun hast du, gerade du, mein lieber Bruder, dazu verholfen, dass mein herzliches Sehnen sein Ziel erreicht hat. Ich fühle die Lebenskraft aus mir weichen. Ich danke dir von Herzen.”

“Bitte, gern geschehen. Ich freue mich, dass ich dir deinen größten Wunsch erfüllen konnte. Und vielleicht auch damit etwas von meiner Schuld der Familie gegenüber abtragen kann.”

“Ich verzeihe dir – lebe wohl. Im Himmel werde ich ein gutes Wort für dich einlegen.”

“Tue das, wenn ich jemals dahin gelangen sollte, und fahre wohl.”

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Alle Rechte: RS

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