Die Turmbesteigung

RS_Turmbesteigung_w600_h1058Soweit bin ich schon aufgestiegen, dass ich das Dorf hinter der bewaldeten Anhöhe sehen kann.

Ich steige weiter und von jedem höheren Standpunkt aus weitet sich meine Sicht. Es wird in mir lebendiger und das Gefühl der Erhabenheit größer und größer. Ich steige weiter, denn ich will nach den letzten Stufen die Türmerstube betreten können.

Mein Vater übte hier das Amt des Türmers aus. Das ist schon sehr, sehr lange her. Damals lebte noch unsere Heimatstadt. Heute ist alles in ihr vergangen, vermodert, verwandelt in Wildnis.

Ich trete vom Ausblickfenster zurück und richte den Blick die letzte Stufe hinauf in die Dunkelheit. Dort wo Vater sein Leben im Dienste des Gemeindewohls verbracht hat.

Ich muss wissen wo mein Vater geblieben ist.

Was von ihm noch da ist und sich für mich aufbewahrt hat.

Ich brauche doch, jeder wird das verstehen, einen Vater, den Vater. Vor meinen suchenden Augen steigen buntflimmernde Erinnerungsbilder auf. Die kleinen Zimmer unseres Türmerhäuschens von Stadtmauer und Turm begrenzt. Die emsige Mutter, immer in Bewegung und Sorge um unser Wohlergehen.

Doch Mittelpunkt ist Vater. Groß und stattlich anzuschauen in seiner prächtigen Uniform mit den glänzenden Silberknöpfen und roter Paspelierung. Auf den Turm stieg er stets allein, das blankblitzende Tutehorn umgehängt und den Proviantbeutel über der Schulter.

Eines Tages beobachtete er ein feindliches Heer in den nahen Wäldern. Er blies das Horn und blieb Tag und Nacht auf seinem Posten. Um ihm Nahrung und was er so brauchte, zukommen zu lassen, wurde eine Winde an der Außenmauer angebracht. Der Krieg vertrieb uns aus der Heimat. Wir haben Vater nie wieder gesehen.

Nun stehe ich auf der letzten Stufe vor der dunklen Tür, hinter der mein Vater auf mich wartet. Ein kleiner Stoß genügt und das morsche Gebälk bricht zusammen. Ich rufe in die Dunkelheit mit brüchiger Stimme, denn ich bin aufeinmal sehr alt: ” Vater! Wo bist Du?”

Mein schwacher, alter Körper gleitet zu Boden. Ich suche einen Halt. Reine Dunkelheit, in der nichts zu fühlen und zu hören ist, hüllt mich ein. Sage ich Dunkelheit? Wie kann ich mich so irren! Es ist doch Licht, reines, strahlendes Licht! Ich bin am Ziel. Es gibt für meine Seele keinen besseren Ort. Hier finde ich alles – Vater, Heimat –  und brauche nichts mehr.

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Alle Rechte: RS

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