Leben ist Wandel

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Ein Riese hat dieses Menschlein in einen Glaskubus verbannt und in die Wildnis ausgesetzt.

“Was soll ich hier?” fragte der Alleingelassene.

Er erhielt Anweisung: “Du hast Pinsel und Farbe mit bekommen, stelle im Bild dar, was du ringsum beobachtest. Wenn deine Wände, die dich begrenzen, ausgefüllt sind, komme ich wieder und du wirst befreit werden.”

“Warum muss ich hier eingesperrt bleiben, erkläre mir bitte den Sinn! ”

“Das Leben ist ein ständiges Sich-wandeln. Nichts bleibt so wie es ist. Eine Fähigkeit ist dir verliehen worden: Die vergänglichen Formen in ihrem Wesen zu erfassen und festzuhalten.”

Nachdem der Riese überzeugt war, vom Menschlein verstanden worden zu sein, ließ er es allein zurück.

Die Frau des Riesen fragte. “Und wenn dieser Mensch nun keine Lust hat, seine Aufgabe zu erfüllen, oder zu müde und schwach dazu ist?”

“Für den Fall ist vorgesorgt. Schau nur, neben dem Werkzeug und der Begabung ist ihm noch etwas mitgegeben worden.”

“Ich sehe nichts” sagte erstaunt die Riesenfrau.

“In seinem Herzen liegt es versteckt, die Liebe zu seinen Mitgeschöpfen. Er leidet unter dem Wandel und dem Altern. Um diesen Schmerz zu lindern, wird er die Geliebten im Bilde festhalten, wird er das leidenschaftliche Erleben in liebevolle Erinnerungen formen.”

Und so geschah es: Anfangs waren die Glaswände klar und ließen das Bild der Natur unverformt hindurch. Dann bedeckten sich die Wände immer mehr mit den Bildern der Erkenntnis und Erinnerung, bis kein Plätzchen mehr vorhanden war, an dem sich unmittelbares, naives Erleben ausbreiten konnte.

Hier wäre es an der Zeit gewesen, dem Menschlein ein neues, gereinigtes Glashäuschen zu gönnen. Doch der Riese versäumte diesen Dienst aus einem unbekannten Grunde und dem Leidenden wurde notgedrungen eine Ersatzerlösung gestattet. Das Vergessen der Welt außerhalb des Gefängnisses. Den Glückszustand zu genießen, in einem selbstgemachten Weltbild zu erstarren und sich zu begnügen, sowie nur noch in Erinnerungen fernab lebendiger Natur zu leben bis ein göttlicher Wille auch diesem Zustand ein Ende bereiten wird, denn Leben ist Wandel.

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Eingesperrt im künstlichen Gedankenraum werden alle Wahrnehmungen zu Abstraktionen.  Er macht sich ein Bildnis.

Alle Rechte: RS, 1973

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