05 Freundschaftsbande

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RS_Freundschaftsbande_w600_h396Wilfried am Klavier denkt: “Zu dumm, dass ich meine Noten vergessen habe. Wie war das nur? Fange ich mit dem C oder mit dem G an. Auf jeden Fall war es eine weiße Taste – oder nicht?”

Arnold mit der Geige denkt: “Also wann fängt Wilfried nun endlich an? Sicherlich muss er sich erst einmal konzentrieren. Gut – soll mir recht sein. Ich zähle solange, 100 – 99 –  98 –  97  –  mein Atem geht ganz ruhig  – 96 –  95 –  94 –  ich bin ganz entspannt –  93 –  92 –  91 –  mein Herz schlägt ruhig und entspannt.”

Wilfried denkt: “Ob ich Arnold frage, mit welchem Ton ich… nein, lieber nicht, das könnte ihn verunsichern. Und er drängt ja auch nicht, ist immer so rücksichtsvoll. Ich will mal vorschlagen, dass wir es für heute lassen wollen, mir ist gar nicht gut. Und überhaupt wird mir fast regelmäßig schlecht, wenn ich mir Arnolds Gekratze anhören muss. Warum soll ich diese Quälerei noch länger auf mich nehmen? Nur weil wir alte Freunde sind? Nein, ich werde ihm vorschlagen, überhaupt mit dem Musizieren aufzuhören. Schluss jetzt damit.”

Arnold denkt: “Das autogene Training ist doch eine gute Sache, macht alles so leicht, bin ganz gelassen. Es ist mir ganz gleichgültig, ob Wilfried mit seinem Geklimper nun anfängt oder nicht. Am liebsten wäre es mir sogar, wenn er mich mit seinem Gestümper verschonen würde. Warum bin ich so geduldig? Wir kennen uns schon von Kindheit an, aber alles braucht man sich nicht gefallen lassen. Ich will heute mal vorschlagen, mit dem Musizieren auf­ zuhören. Wir haben ja auch noch andere Interessen.”

Wilfried sagt: “Arnold, verzeih mir, ich hab meine Noten vergessen. Eigentlich können wir das Stück ja auswendig, aber ich bin heute nicht gut drauf. Wollen wir für heute nicht Schluss machen? Nächstes Mal geht’s sicher wieder besser. Ich wollte aber grundsätzlich mal was sagen…”

” Ja, was denn?”

“Du darfst mir aber nicht böse sein.”

“Wie kann ich das. Aber auch ich wollte mal mit dir etwas besprechen.”

“Ja? Sag mal.”

“Nein, du wolltest zuerst.”

“Also gut! Ich habe… schon lange den Eindruck, dass…. mein Geklimper nicht gut genug für deine Ansprüche ist und deshalb…”

“Aber nein! Wie kannst du so etwas sagen! Dein sensibler Anschlag hat mir immer gefallen. Aber ich muss dir gestehen, dass ich öfters das Gefühl habe, dir mit meinem Gekratze ein wenig auf die Nerven zu gehen.”

“Nein, nein, ich kann mir keinen besseren Partner wünschen, wo wir uns schon solange kennen. Unsere Eltern liebten schon die Hausmusik.”

“Ich finde auch, dass unsere Freundschaft doch über alles geht. Du würdest also weiter mit mir spielen?”

“Gerne, wenn du nur mit mir zufrieden bist.”

“Dann sind wir uns ja einig und machen heute nicht weiter mit der Musik. Kommst du mit ein Bier trinken?”

” Oh ja. Plaudern wir ein wenig und freuen uns auf die nächste Musikstunde.”

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Alle Rechte: RS

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