Die Verzauberung

RS_Die-Verzauberung_w600_h431Orlando, der Lieblingspage unserer Burgherrin Gertrude, schlendert in einer freien Stunde durch den Vorhof in Richtung des Rosengartens seiner Herrin. Er hofft, hier im Anblick der prächtigen Blüten und von ihrem süßen Duft umhüllt, sich ungestört den Gefühlen der Liebe und Verehrung hinzugeben, die er für seine Gebieterin hegt.

Ein Gedanke jedoch verbittert sein Herz und wirft einen Schatten auf seine Seele: Die Dame steht unerreichbar über ihm.

Trost suchend irren seine Blicke umher weit in die ferne Landschaft, in Wolkenhöhen und wieder zurück in die Nähe der Burgmauern und Gartenwege. Ja, was bewegt sich da? Eine weibliche Gestalt zieht seine Aufmerksamkeit auf sich. Orlando, nun hellwach geworden, hat nur wenige Schritte entfernt die Küchenmagd Barbarina bemerkt.

Da hat doch das freche Mädchen eine der kostbaren Rosen gepflückt und tastet gerade nach einer zweiten. Streng verboten hat’s die Herrin. Eingedenk seiner Pflicht, das Gut der hohen Frau zun schützen, entschließt sich Orlando. die Frevlerin auf frischer Tat zu ertappen. Schon steht er hinter dem Mädchen und hat die Hand zum Schlag auf die
Schulter erhoben.

Da zwingt ihn etwas Unbekanntes innezuhalten und alle Absichten schlagartig fallen zu lassen. Ein leiser Gesang dringt an sein Ohr und hat sein Herz erreicht. Im Bann der Stimme zieht Orlando seine Hand zurück und ist nur noch erfüllt vom Anblick der Magd Barbarina.

Ihr breiter Rücken erscheint ihm in vollendeter Anmut. Barbarinas ganze derbe Gestalt, die er bisher nur mit Geringschätzung und aus großem Abstand wahrgenommen hatte, ist in seinen Augen wie verwandelt. Er sieht nur noch wohlgeformte, mädchenhafte Rundungen.  Er bewundert einen zarten Nacken, in dem sich goldblondes Haar im Sonnenlicht kräuselt. Und dabei fortwährend dieser melodische Gesang, von einer ihn betörenden Stimme in sein Ohr getragen und sein ganzes Inneres erfüllend.

Was weiter geschieht ist leicht zu erraten: Es stellt sich heraus, daß Barbarina schon lange ihr Herz an Orlando verloren hat. Seine kleine, runde Gestalt und sein etwas einfältiger, braver Gesichtsausdruck hatte in ihr gleich mitfühlende Empfindungen ausgelöst, die mit der Zeit zur Liebe gereift waren.

Die Rose, die sie gepflückt hatte, war ihm zugedacht.

Er nimmt sie in Empfang, von einem wohlmeinenden Schicksal geleitet. Die Burgherrin Gertrude entläßt ihn aus ihrem Dienst . Sie meint es gut mit ihm, mit den beiden. Sie weiß, zufriedene und glückliche Untertanen lassen das Hauswesen gedeihen und ein Jeder findet darin seinen ihm gemäßen Platz.

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Alle Rechte: RS, 1996

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