Auf dem Präsentierteller

RS_Auf-dem-Praesentierteller_w600_h508“Wie ist mir nur? Ich kann mich gar nicht erinnern, wie ich in diese Dunkelheit gekommen bin,” denkt die Frau. “Mir ist als ob ich mich verirrt hätte auf der Suche nach etwas, was ich auch vergessen habe. Jetzt aber in diesem Augenblick bin ich hellwach und nehme mit all meinen Sinnen wahr, was so Unglaubliches mich umgibt. Obwohl kein Licht von Außen eintritt, erkenne ich den Tisch, auf dem ich mich aufstütze, den Hocker, auf dem ich sitze und das weiche Polster auf dem Boden, auf dem meine Füße ruhen. Am deutlichsten sehe ich diesen Kopf eines Mannes ohne Körper, der auf einem Teller liegt. Das ist doch absurd! Aber seltsamer Weise wundert es mich nicht. Ich bin wie in einem Bann und kann mich nicht rühren. Was lähmt mich?”

“Nein, gelähmt bin ich nicht. Es ist vielmehr wie eine tiefe Entspannung, wie in einem Traum. Und dabei spüre ich ganz bewußt meinen Körper und weiß, ich träume nicht sondern bin nur empfänglich für den Zauber des Ungewöhnlichen.”

Der Kopf beginnt zu sprechen: “Du bist eine wunderschöne Frau.”

Die Frau stellt fest: “Und Du bist ein ausdrucksvoller Charakterkopf.”

Es beginnt eine Wechselrede.

“Du bist die Frau, nach der ich mich schon lange gesehnt habe.”

“Du schmeichelst! Aber auch mir gefällt etwas an dir, eine kraftvolle Männlichkeit strahlt dein Kopf aus.”

“Ich habe dich gefunden, dich, meine Frau!”

“Wie kann ich deine Frau werden? Wo sind deine Arme mich zu umfangen, wo deine Brust, an die ich mich schmiegen kann? Ich sehe nur deinen Kopf auf dem Teller. Aber ich muss zugeben, als ganzer Mann könntest du mir schon gefallen…”

“Meine Schöne, ich bin ein Ganzer.”

“Und wo hast du deinen Körper. Ich bin neugierig auf ihn.”

“Mit dem will ich dich verschonen.”

“Warum? Ist der so häßlich?”

“Das nicht. Aber ganz und gar unpassend.”

“Meinst du ich sei nicht stark genug, einen unpassenden Anblick zu ertragen?”

“Oh nein, du bist stark und ich erkenne sogar an, dass du in einigem mir überlegen bist.”

“Also zeige mir deinen Körper. Ich will dich als einen Ganzen sehen.”

“Lieber nicht. Du würdest nicht glauben wollen, dass das, was so schlecht zusammenpasst, dennoch zusammen gehört, dennoch miteinander leben kann, weil die Schöpferlaune einer Märchengottheit es so wollte.”

“Das klingt wie ein Geheimnis. Nun will ich erst recht wissen, was du mir verbirgst.”

“Nun, dann will ich deine Neugier nicht länger auf die Folter spannen.”

“Also, ich höre?!”

“Was spüren deine Füße unter dem Tisch? Eine ganze Weile schon streicheln die doch etwas!”

“Stimmt. Ich dachte, es müsste ein schlafender Hund oder ein Kätzchen sein.”

“Du bist ganz nahe dran.”

“Solltest du etwa??”

“Ja, du musst das unten Gefühlte mit dem oben Gesehenen zusammengefügt denken.”

“So bist du also ein Mensch und Tier zugleich. Dann ist der Teller ein Präsentierteller des edleren Teiles deiner Person und die Tischplatte nur Tarnung deiner Triebnatur. Du bist ein zwiegespaltenes Doppelwesen, das seine niederen Regungen und Absichten verstecken muss, um unerkannt die animalischen Ziele zu verfolgen.”

“Du hast nun die Wahrheit über mich erkannt und bist erschrocken und zornig. Aber es ist nur die halbe Wahrheit. Du wolltest wissen, womit ich dich gerne verschont hätte. Schade, es hat nicht sollen sein, dass wir uns im zärtlichen Anschauen glücklich bescheiden durften. Denn das sollst du wissen: Weil ich dich liebe, wollte ich dich mit der ganzen Wahrheit über mich verschonen und auf die Erfüllung eines Triebbegehrens verzichten. Teller und Tisch sind nicht Tarnung, wie du meinst. Sie sind das Ergebnis einer langen Bemühung, diese beiden Regionen in mir zu trennen.”

“Und das soll ich dir glauben? Sollte es so etwas bei einem Mann geben?”

Bei den letzten Worten des Mannes wurde es langsam hell im Raum und alles, was bisher für die Augen der Frau überdeutlich erschien, verblasste mehr und mehr.

“Es wird licht um mich. Ich recke und strecke mich. Was war das doch für ein seltsamer Traum. Wenn ich den meiner Freundin Rosi erzähle, wird sie in ihrer Art, alles zu verallgemeinern, sagen: ‘Siehst du, was ich dir immer schon gesagt habe, Männer sind nicht Menschen wie wir Frauen.'”

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Alle Rechte: RS

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